“Kazan, which like Rome stands on seven hills, is the capital of the ancient people and country whose names, though familiar, are shrouded in misconceptions. The people are the Kazan Tatars; the country is Tatarstan. Situated, as a result of historical circumstances, in the very heart of Russia, only eight hundred kilometres to the east of Moscow, Kazan is the capital of a multi-national republic that occupies the area between the Volga and the Ural Mountains. The Tatars have their own language, their own culture, their own age-old traditions and festivals, their own faith, but their past has been and remains intertwined with the history of Russia in the most dramatic and sometimes fateful way.”
Webseite der Republik Tatarstan
Das Wetter spielt nicht mit. An einem frühen Morgen im November fahre ich vom Flughafen bei grauem Himmel nach Kasan. Der erste Eindruck der Hauptstadt von Tatarstan erstaunt mich trotz trister Gräue: die einheitlichen klassizistischen Fassaden erinnern mich auf seltsame Weise an das als so makellos bekannte München. Das hatte ich nicht erwartet: ein Amalgan aus Christentum und Islam ja: Der Kasaner Kreml mit Kirche und Moschee direkt an der Wolga ist ja Weltkulturerbe und einem von Bildern bekannt. Aber diese blitzblanke Pracht, wenn auch etwas niedriger gebaut, erinnert doch an meine Studienstadt. Vielleicht habe ich mich von einer anderen Bayernassoziation beeinflussen lassen: Tatarstan ist eine autonome Republik innerhalb Russlands, das könnte man auf Deutsch mit gutem Gewissen „Freistaat“ nennen. Auch, dass das große Unabhängigkeitsstreben der wirtschaftlich extrem erfolgreichen Republik (dem Öl sei Dank) immer wieder den Ärger der anderen Regionen Russlands anzieht, lässt einen leicht Vergleiche ziehen.
Dabei gilt Tatarstan dazu als recht konservatives de-facto Einparteiensystem , aber die lokalen Vertreter der großen Volkspartei (wenn man die Kreml-Partei Einiges Russland überhaupt so bezeichnen kann) sind – wieder wie in Bayern – recht unabhängig von der Hauptstadt des Landes. Aber in der Innenstadt sieht man, dass hinter den sauberen Fassaden auch etwas Opposition gehrt. Auf Pfeilern in der Fussgängerzone sieht man nicht nur die von einem Künstler aufgemalten Bilder der Idole Mahatma Gandhi und Steve Jobs, sondern auch einen Aufruf zur Revolution, einer Losung folgend wie des unheimlichen Führers der Avantgarde der Roten Jugend Sergej Udaltsov, über ein Bild der Wolga geschmiert.
Die Fußgängerzone hoch auf den Kreml zu verlassen, blicke ich auf die große Wolga. Dort sieht man auch schnell im Tal den Palast der Landwirte liegen, dem Sitz des Landwirtschaftsministeriums der Republik. Ihn mit der bayrischen Staatskanzlei zu vergleichen wäre jetzt nicht ganz richtig: Denn anders als in München ist der administrative Monumentalbau hier ein kompletter Neubau. Manchmal kann zu viel Geld in der Hand eines Architekten auch gefährlich sein. Am anderen Ufer des Stromes sieht man die neuen Büro- und Wohngebäude nur so aus dem Grunde sprießen. Ja, wirtschaftlich geht es Tatarstan gut und die eigenen Werte und Traditionen sollen dabei trotzdem weiter mit gedeihen..
Die traditionell guten Beziehungen zwischen Bayern und Tatarstan sind also kein Zufall. Wirklich anders als in Bayern ist jedoch, wie vergleichsweise paritätisch die Religionsgemeinschaften im Lande verteilt sind: etwa 55% sind muslimischen Glaubens und fast 45% orthodoxe Christen. Da in Russland die Religionsgemeinschaft eher als kulturelle Zugehörigkeit gesehen wird, verstecken sich hinter beiden Zahlen viele Atheisten. Besonders stolz wird mir sowohl vom Taxifahrer, wie vom Leiter des Föderationsinstituts in Kasan erzählt, dass diese Religionsgemeinschaften auf jeden Fall hier in Frieden miteinander Leben und dass es zum Glück noch keine Islamisten gäbe. Ganz stimmt das traurigerweise nicht mehr, nachdem im Jahr 2012 auch hier der erste Terroranschlag stattfand.
Ein anderes religiöses Leben, die Verehrung der Ikonen des Sozialismus, existiert hier weiter nebenher, hat aber wie anderswo in Russland auch an Kraft verloren. In Kasan hatte nämlich auch der junge Sascha Iljitsch Uljanow studiert, der später unter seinem „Künstlernamen“ Lenin bekannt wurde. Beim Vorbeigehen an seinem Denkmal als jungem Studenten in Kasan, tanzen gerade Schülerinnen und Schüler aus Kasan zur Probe für die Aufnahme eines Flashmob vor dem Hauptgebäude der Universität.
Auch ohne Lenin waren die Beziehungen mit Bayern auch in jüngster Zeit nicht immer reibungslos. Die größte Angst des FC Bayern zur Beginn der Championsleague 2011 war ausgerechnet Rubin Kasan (2008 und 2009 russischer Meister, 2012 russischer Pokalsieger), wollte ihnen der starke Club doch auch noch im Jahr 2010 Miroslav Klose wegkaufen. Aber das ist jetzt vergessen. Zum nächsten Sportereignis, für die Universiade 2013 wurde dann Kasan zusätzlich geputzt und renoviert und ich bin gespannt was wir Spuren das Ereignis an der Stadt hinterlassen wird. Das Hotel Kazan wird vermutlich schon jetzt mit seiner alten Fassade aber neuem Innenleben strahlen. Bis hier jedoch einmal, wie in Bayern zum ersten Mal nach 50 Jahren bei der letzten Wahl entschieden, wieder eine andere, zum Beispiel eine liberale Partei mitregieren darf, wird wohl noch etwas Wasser die Wolga hinunterlaufen müssen.







