Wladiwostok – die schöne Europäerin in Asien

Europäerin das ist die russische Schönheit wenn man Ihre klassizistischen kleinen Straßen hinunterschaut und dennoch auch nicht fremd auf dem asiatischen Boden. Die Architektur kennt man auch von Lissabon bis Wien, bildet sie doch in ihrer russischen Version das europäische Zeitalter der großen Imperien im 19. Jahrhundert nach. „Beherrsche den Osten!“ klingt scheinbar nach einem Ausruf aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Dabei ist es die Übersetzung des Namens der russischen Stadtgründung aus der Zeit, in dem die europäischen Nationen versuchten sich den Rest der Erde untertan zu machen (Влади: beherrsche!, Восток: der Osten).

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Allein die Farbenpracht mag diese Fotografie vom Angfang des 20.Jahrhunderts nicht einzufangen

1860 als Stützpunkt für die russische Marine gegründet und schon 20 Jahre später eine wachsende Stadt  mit einem wichtigem Hafen, erlebte sie ihre erste kulturelle Blüte in den Zeiten der Revolution: von tschechischen, amerikanischen, britischen und japanischen Truppen vor der Roten Armee verteidigt strömten Intellektuelle aus Petersburg und Moskau in die Stadt und gründeten Theater und Zeitungen. Der Einmarsch der Roten Armee 1922 beendete den Bürgerkrieg und in den kommenden drei Jahrzehnten versechsfachte sich die Bevölkerung in dem wichtigsten Hafen des Pazifiks auf die heutige Größe von über 600,000 Einwohnern. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion durften ab 1992 dann zum ersten Mal nach 70 Jahren wieder Ausländer in die Stadt. In den 90er Jahren wurde Wladiwostok dann leider auch für Mafia und Prostitution bekannt, wovon sie sich im letzten Jahrzehnt durch wirtschaftlichen Aufschwung, unter anderem auch als Handelshub für Waren aus Asien erholte. Der Versuch des Präsidenten Putin den Fernen Osten durch große Infrastrukturprojekte wie dem Ausbau der Transsibirischen Eisenbahn weiter zu entwickeln, stockt aber unter ähnlichen Problemen wie viele Großprojekte: Korruption, Intransparenz, Ineffizienz durch Bürokratie und zu hoher Zentralisierung der Entscheidungen. Nicht um diese Probleme in Russland zu verharmlosen, aber wir kennen sie natürlich auch aus Stuttgart und Berlin.

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Ein Blick auf den Hafen von Wladiwostok im August 2013 nahe einem Gebäude der Fernöstlichen Universität

In der jüngsten Geschichte wurde die Stadt dazu bekannt für den Aufstand Ihrer Bürger gegen den Versuch der russischen Regierung im Jahr 2008 die Einfuhr von Gebrauchtwaren aus Asien zu verzollen und dann für den Bau der größten Kabelbrücke der Welt von Wladiwostok zur nahgelegenen Insel „Russkij“, die von den einen, wie dem damaligen russischen Präsidenten Dmitry Medvedev als „wunderschöner Bau“ und „Sinnbild der Ingenieurskunst“  gesehen wurde und von den anderen als Verschwendung von Steuergeldern.

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Von der Riesenbrücke selbst sieht man aus dem Zentrum nur die zwei kleinen Pföstlein in weiter Ferne

 Kaum bin ich am Bahnhof vom frisch eingeführten Aeroexpress vom Flughafen angekommen fällt mein Blick über die Straße. Da steht doch mal wieder der „gute alte“ Lenin und zeigt agitatorisch mit kämpferischen Blick auf den imaginären kapitalistischen Feind. Aber wie beruhigend ist mir mein Blick auf ihm ruhen zu lassen. Kein einziger Russe ist weit und breit zu sehen, allein ein paar chinesische Touristen schreiten fast mit Pflichtgefühl die Stufen zur Statue hinauf. Schön, dass die ideologische Dialektik des Marxismus-Leninismus hier etwas an ihrer Kraft verloren hat und schön, dass man auch gleich sieht, dass man in Asien angekommen ist. Davon, dass man auch in Asien ist zeugen auch die unzähligen asiatischen Restaurants und Cafés der Stadt.

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Der alte Revolutionär lockt nur noch ein paar chinesische Touristen die Stufen hinauf

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Na, Lust auf etwas Suschi?

Und kurz darauf gleich der Gegensatz: am nicht weit zu Fuß entfernten Hafen herrscht heute reges Markttreiben. Frisches Obst und Gemüse vom Land wird feilgeboten, Babuschkas und Marktfrauen mit Kopftüchern: das ist einfach ganz normales russisches Marktleben, wie man es im Zentrum von Moskau schon kaum noch kennt. Auf dem belebten Markt sind das weithin sichtbare Verwaltungshauptgebäude der Region (oder auch „Weiße Haus“ genannt) und das fahnenschwenkende Denkmal der Kämpfer für die Rote Revolution im Fernen Osten gefühlt recht fern.

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Der Markt am Hafen von Wladiwostok ist russischer als Moskau

Und wo wir schon beim Sommer in Russland sind, dürfen auch die fröhlichen Hochzeitsgesellschaften nicht fern sein, bei denen ein Foto und Glas Schampanskoje vor jedem wichtigen Denkmal der Stadt „erledigt“ werden muss. Tatsächlich sehe ich auch einen jungen Chinesen mit einer blonden russischen Braut, nur leider ist meine Kamera dieses Mal nicht schnell genug um das Bild für die Vermählung in dieser Stadt besser festhalten zu können. Nach dem Ende des staatlich diktierten Atheismus stehen auch Kiryll und Method, die beiden christlichen Missionare der slawischen Völker wieder an prominentem Ort auf einem der Hügel der Stadt. Wie gemacht für die Kolonnen der Heiratenden im Sommer.

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Das chinesisch-russische Brautpaar: Zur Seite werter Cousin, man kann den Bräutigam nicht sehen!

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Helau mein geliebtes Wladiwostok im Tal

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Achtung die nächste Hochzeitsgesellschaft in Marschkolonne!

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Und dieses Mal bitte nur die Damen

Nach all der Geschichte und dem vielen Hochzeiten im Blog muss ich jetzt aber wieder Pause machen, und mehr von der Stadt entdecken.

 

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