Wladiwostok träumt sich zu einem pazifischen Zentrum

130830 2Vladivostok 01 Traum

Traumhaft wellend über die sanften Hügel zum Meer. Genauso wandern die Träume derer, die die Stadt noch nicht verlassen haben, weil sie sich größere Perspektiven in Moskau, St. Petersburg oder dem Ausland ausmahlen. Die Träume wallen zum großen Ozean, dem Pazifik hin. Und handeln davon, wie über dieses Wasser Menschen – Touristen, Geschäftsleute und Politiker – aus aller Welt strömen, hierher in das Zentrum Nordostasiens, nach Wladiwostok.

130830 2Vladivostok 02 MoloMed

Im „Milch&Honig“ scheinen sich die Völker der Region bereits zu mischen

Doch während große Teile der Jugend sich entscheiden in der Universität Chinesisch, Japanisch und Koreanisch vor dem Englischen zu lernen hat die Stadt selbst noch keinem echten Sog auf die Nachbarn entwickelt. Die Beziehungen nach Peking, Seoul und Tokyo sind vor allem eng, weil dort bereits so viele Russen aus dem Fernen Osten leben.

130830 2Vladivostok 03 Krishna

Hare Krishna, Hare Ha-are – Zumindest eine indische Sekte hat Wladiwostok als Zentrum entdeckt

Als Präsident Putin in einem Gastbeitrag in der Sueddeutschen Zeitung vor drei Jahren eine stärkere Integration Russlands mit der Europäischen Union mit dem Ruf einer „Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok“ forderte, da war Wladiwostok noch der letzte Außenposten des Westens. Auch koreanische, japanische oder chinesische Touristen kommen nach Wladiwostok vor allem um hier die „erste europäische Stadt“ sehen zu können. Die europäische Seite der Stadt ist eben kein Traum, sondern Realität

Unter anderem nach den halbherzigen Antworten der anderen europäischen Länder auf das Integrationsangebot  Putins und der vielen außenpolitischen Probleme mit den europäischen Nachbarn, hat der russische Staat die Entwicklung des Fernen Ostens zu einer Priorität erhoben. Als Ausrichter des Asean Pacific Economic Cooperation (APEC) Forums pumpte Moskau erhebliches Geld in den Bau der berühmten Brücke auf die nahegelegene Insel Russkij, sowie den Bau eines später als Campus für die Far Eastern Federal University (FEFU) gedachten Gebäudekomplexes.

130830 2Vladivostok 04 Campus

Blick zurück vom neuen Campus auf Russkij über die Brücke nach Wladiwostok

Nach den hohen Ausgaben für Brücke und Campus, begleitet von der typischen Krankheit vieler sehr groß geplanter Projekte (beim Bau des Campus hatte man Beispielsweise vor lauter Glanzarchitektur vergessen eine Bibliothek mit einzuplanen…), sind die Wladiwostoker inzwischen vor allem eines: stolz auf ihre Brücke und den Campus der FEFU. Ein Taxifahrer ruft bei seiner ersten Fahrt auf die Insel mit stolzer Begeisterung „hier sieht es ja schon aus wie in Japan!“.

130830 2Vladivostok 05 Vision

Sind das Ameisen im Hauptgebäude der neuen Universität?

Nach Ende des APEC Summits hatte sich der Gebäudekomplex erst schlagartig geleert. Doch inzwischen sind die ersten Studenten auf dem Campus, bin Ende September sollen alle Fakultäten übersiedeln (an der Machbarkeit dieses Zeitplans im Anbetracht der Größe des Umzugs, zweifeln aber die meisten Akademiker, die ich frage) und die Gegend ist zu einem Naherholungsziel der Städter geworden. Endlich sind auch neue Konferenzen nachgezogen worden, wie da das 22. jährliche NORTHEAST ASIA ECONOMIC FORUM (NEAEF), dass nach 20 Jahren zum zweiten Mal in der Stadt ist.

130830 2Vladivostok 06 Konferenz

Ein Runder Tisch für ehemalige Premierminister, Gouverneure, Experten und Bonaqua-Flaschen

Vor 20 Jahren hatte der damalige Gouverneur der Region Vladimir Kuznetsov das Forum zum ersten Mal in die gerade erst für Ausländer geöffnete Stadt geholt. Inzwischen ist der gleiche Kuznetzov nach Stationen als russischer Generalkonsul und Geschäftsmann in Kalifornien wieder zurück in seine Heimatstadt gekommen um hier die “School of Regional and International Studies“  der FEFU zu leiten. Vielleicht kann er neben internationalen Beziehungen auch etwas „American Dream“ und hemdsärmlige Pragmatik mitbringen.

130830 2Vladivostok 07 Kunst

Auch zeitgenössische Kunst soll die Insel Russkij schmücken

Aber nicht alle freuen sich auf den Umzug auf die Insel. Gorodny, der Leiter des Museums für Zeitgenössische Kunst ARTETAGE befürchtet noch weiter entfernt vom Stadtzentrum weniger Interessierte zu seiner beeindruckenden Sammlung lokaler, russischer und internationaler Gegenwartskünstler locken zu können. Solange die Planungen zum Riesenumzug aber noch nicht begonnen haben, träumen die wladiwostoker Studenten lieber weiter in der Sonne am Stadtstrand.

130830 2Vladivostok 08 Meer

Beim Bräunen ist gut Träumen

Hinterlasse einen Kommentar