Die große Überraschung beim ersten Besuch bleibt Chabarowsk. Wie hat sich dieses schmucke Jugendstilstädtchen mit Hügeln und einem römisch-geraden Straßennetz in das Amurtal im Fernen Osten Russlands verirrt? Ich selbst komme dieses Mal aus der anderen Richtung aus Wladiwostok und asiatischen Gefilden, aber für Reisende der Transsibirischen Eisenbahn erscheint Chabarowsk wie ein ebenso überraschtes Aufwacherlebnis nach der einsamen Unendlichkeit Ostsibiriens. Doch der erste Eindruck der fröhlichen Geschäftigkeit trügt. Kaum den Kopf gedreht sieht man die Naturgewalt des Amur.
Hinter dem prächtigen Sommerabendsonnenglanz auf dem Wasser erkennt man schon die Weite des Stromes und die seltsam aus ihm wachsenden Bäume und Häuser in der Entfernung. Mit einem Wasserpegelstand von fast 8 Metern ist der Strom so riesig wie nie in der gemessenen Geschichte angewachsen. Der letzte Rekord lag bei 6,42 Meter im Jahre 1897. Mit den gigantischen Wassermassen mussten zehntausende Uferbewohner evakuiert werden und Häuser und Straßen stehen Land unter.
Wie ein seltsamer Zeitsprung scheint einem dann der Schritt zurück durch die sommerliche Jugendstilinnenstadt im Trockenen. Noch vor 150 Jahren war hier kaum bewohnte Taiga. Erst 1858 wurde unter dem russischen Zaren Alexander II. ein Militärposten für die weitere Expansion nach Osten in die Mandschurei gegründet, begann der eigentliche Aufstieg zur Stadt erst mit dem Ausbau der Transsibirischen Eisenbahn, die 1897 Chabarowsk zum ersten Mal erreichte.
Der wegen seiner Vorschläge zur Abschaffung der Leibeigenschaft von Zar Nikolaus I. als „Liberaler“ beschimpfte Nikolai Murawjow hatte als Generalgouverneur Ostsibiriens mit der chinesischen Qing-Regierung im Vertrag von Aigun eine Grenzziehung entlang des Amurs erreicht, der die Gründung des Militärpostens möglich machte. Noch heute ist die Hauptsstraße der Stadt nach ihm mit seinem späteren Beinamen „Murawjow-Amurski“ benannt, genauso wie er den russischen 5000 Rubel Schein schmücken darf.
Anders ging es mit dem erst vor etwa 100 Jahren gegründeten Hauptplatz der Stadt. Er wurde gerade und groß zur Abnahme von Parraden gebaut und nach dem Zaren Nikolai-Platz genannt. 1917 veränderte dann die Revolution Syntax und Denken und der Platz wurde zum “Platz der Freiheit”. Nach dem Tod Lenins wurde dann auch diesem Platz eine Leninstatue geschenkt, die ihn dann 1957 zum Leninplatz werden ließ. Nach einer Renovierung von 1998 kann man nun nach der Umgestaltung auf den nächsten Namen hoffentlich menschlicheren hoffen…
Die balubetürmte hochgewachsene Verkündungskathedrale von Chabarowsk stellt mit ihrem Nachbarn dem Kommunistenstern im Eichelaub auf Obelisk ein klassisches Bild des gegenwärtigen Russlands: ein Leninplatz kann Leninplatz heißen, die Kathedrale wurde trotzdem zwischen 2000 und 2002 wiedererrichtet und ehrt wieder das von dem Kommunisten zerstörte Grab des russischen Generalgouverneurs baltischer Herkunft Baron Andrei von Korff, den die Kommunisten hassten, weil er für Lager für politische Gefangene (vor allem Kommunisten) im Fernen Osten verantwortlich gemacht wurde.
Die Stadt strahlt heute eine große Entspannung aus- und das sogar neben der größten Flut seiner Geschichte. Wenn man nach Jugendstilfassaden wieder die für Sibirien bekannten bunten russischen Holzhäuser sieht, wundert man sich aber auch wieder – ähnlich wie in Wladiwostok – wie unasiatisch eine Stadt mitten in Asien wirken kann.
Auch die Verwandlungskathedrale neben dem Zweckbau in dem einst Partei und heute die Regierung der Region residiert könnte so in Osteuropa hinter dem großen grauen Mahnmal des II. Weltkrieges stehen. Allein auf dem Markt der Stadt dominieren die chinesischen Händler mit Produkten, die sie aus dem Reich der Mitte feilbieten. Man kann der Flanierstadt jetzt nur wieder wünschen, dass sich die Wassermassen des Amur bis zum Herbst wieder senken, dass der Frost keine weiteren Schäden mehr anrichten kann. Dann wird die Weite der Landschaft und die Größe des Amur wieder zum Anlass zum Denken und Spazieren an den unsowjetisch-einladenden Uferpromenaden von Chabarowsk.









