Jugendstil am Amur: Chabarowsk während der Flut

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Die große Überraschung beim ersten Besuch bleibt Chabarowsk. Wie hat sich dieses schmucke Jugendstilstädtchen mit Hügeln und einem römisch-geraden Straßennetz in das Amurtal im Fernen Osten Russlands verirrt? Ich selbst komme dieses Mal aus der anderen Richtung aus Wladiwostok und asiatischen Gefilden, aber für Reisende der Transsibirischen Eisenbahn erscheint Chabarowsk wie ein ebenso überraschtes Aufwacherlebnis nach der einsamen Unendlichkeit Ostsibiriens. Doch der erste Eindruck der fröhlichen Geschäftigkeit trügt. Kaum den Kopf gedreht sieht man die Naturgewalt des Amur.

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Amur, Amour, ein paar Meter weniger nur!

Hinter dem prächtigen Sommerabendsonnenglanz auf dem Wasser erkennt man schon die Weite des Stromes und die seltsam aus ihm wachsenden Bäume und Häuser in der Entfernung. Mit einem Wasserpegelstand von fast 8 Metern ist der Strom so riesig wie nie in der gemessenen Geschichte angewachsen. Der letzte Rekord lag bei 6,42 Meter im Jahre 1897. Mit den gigantischen Wassermassen mussten zehntausende Uferbewohner evakuiert werden und Häuser und Straßen stehen Land unter.

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Sandsack-Damm aus weißen Hanf-Schlamm-Packs

Wie ein seltsamer Zeitsprung scheint einem dann der Schritt zurück durch die sommerliche Jugendstilinnenstadt im Trockenen. Noch vor 150 Jahren war hier kaum bewohnte Taiga. Erst 1858 wurde unter dem russischen Zaren Alexander II. ein Militärposten für die weitere Expansion nach Osten in die Mandschurei gegründet, begann der eigentliche Aufstieg zur Stadt erst mit dem Ausbau der Transsibirischen Eisenbahn, die 1897 Chabarowsk zum ersten Mal erreichte.

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Lustwandeln am lichten Abend – Chabarowsk jenseits des Amurs

Der wegen seiner Vorschläge zur Abschaffung der Leibeigenschaft von Zar Nikolaus I. als „Liberaler“ beschimpfte Nikolai Murawjow hatte als Generalgouverneur Ostsibiriens mit der chinesischen Qing-Regierung im Vertrag von Aigun eine Grenzziehung entlang des Amurs erreicht, der die Gründung des Militärpostens möglich machte. Noch heute ist die Hauptsstraße der Stadt nach ihm mit seinem späteren Beinamen „Murawjow-Amurski“ benannt, genauso wie er den russischen 5000 Rubel Schein schmücken darf.

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Vielleicht dann Platz des Bären? Graffiti in der Innenstadt

Anders ging es mit dem erst vor etwa 100 Jahren gegründeten Hauptplatz der Stadt. Er wurde gerade und groß zur Abnahme von Parraden gebaut und nach dem Zaren Nikolai-Platz genannt. 1917 veränderte dann die Revolution Syntax und Denken und der Platz wurde zum “Platz der Freiheit”. Nach dem Tod Lenins wurde dann auch diesem Platz eine Leninstatue geschenkt, die ihn dann 1957 zum Leninplatz werden ließ. Nach einer Renovierung von 1998 kann man nun nach der Umgestaltung auf den nächsten Namen hoffentlich menschlicheren hoffen…

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Kirche und Stern der Roten: fröhlich nebeneinander

Die balubetürmte hochgewachsene Verkündungskathedrale von Chabarowsk stellt mit ihrem Nachbarn dem Kommunistenstern im Eichelaub auf Obelisk ein klassisches Bild des gegenwärtigen Russlands: ein Leninplatz kann Leninplatz heißen, die Kathedrale wurde trotzdem zwischen 2000 und 2002 wiedererrichtet und ehrt wieder das von dem Kommunisten zerstörte Grab des russischen Generalgouverneurs baltischer Herkunft Baron Andrei von Korff, den die Kommunisten hassten, weil er für Lager für politische Gefangene (vor allem Kommunisten) im Fernen Osten verantwortlich gemacht wurde.

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Anna Karnenina ohne Keira Knightley im Theater der Stadt

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Blaues Haus mit bunter Wäsche – chabarowsker Straßenstilleben mit Auto

Die Stadt strahlt heute eine große Entspannung aus- und das sogar neben der größten Flut seiner Geschichte. Wenn man nach Jugendstilfassaden wieder die für Sibirien bekannten bunten russischen Holzhäuser sieht, wundert man sich aber auch wieder – ähnlich wie in Wladiwostok – wie unasiatisch eine Stadt mitten in Asien wirken kann.

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Hinter dem Mahnmal des „Großen Vaterländischen Krieges“ ducken sich Kathedrale und Regierung

Auch die Verwandlungskathedrale neben dem Zweckbau in dem einst Partei und heute die Regierung der Region residiert könnte so in Osteuropa hinter dem großen grauen Mahnmal des II. Weltkrieges stehen. Allein auf dem Markt der Stadt dominieren die chinesischen Händler mit Produkten, die sie aus dem Reich der Mitte feilbieten. Man kann der Flanierstadt jetzt nur wieder wünschen, dass sich die Wassermassen des Amur bis zum Herbst wieder senken, dass der Frost keine weiteren Schäden mehr anrichten kann. Dann wird die Weite der Landschaft und die Größe des Amur wieder zum Anlass zum Denken und Spazieren an den unsowjetisch-einladenden Uferpromenaden von Chabarowsk.

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Flanieren am Amur – wenn er endlich die Uferpromenaden wieder freigegeben hat

Wladiwostok träumt sich zu einem pazifischen Zentrum

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Traumhaft wellend über die sanften Hügel zum Meer. Genauso wandern die Träume derer, die die Stadt noch nicht verlassen haben, weil sie sich größere Perspektiven in Moskau, St. Petersburg oder dem Ausland ausmahlen. Die Träume wallen zum großen Ozean, dem Pazifik hin. Und handeln davon, wie über dieses Wasser Menschen – Touristen, Geschäftsleute und Politiker – aus aller Welt strömen, hierher in das Zentrum Nordostasiens, nach Wladiwostok.

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Im „Milch&Honig“ scheinen sich die Völker der Region bereits zu mischen

Doch während große Teile der Jugend sich entscheiden in der Universität Chinesisch, Japanisch und Koreanisch vor dem Englischen zu lernen hat die Stadt selbst noch keinem echten Sog auf die Nachbarn entwickelt. Die Beziehungen nach Peking, Seoul und Tokyo sind vor allem eng, weil dort bereits so viele Russen aus dem Fernen Osten leben.

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Hare Krishna, Hare Ha-are – Zumindest eine indische Sekte hat Wladiwostok als Zentrum entdeckt

Als Präsident Putin in einem Gastbeitrag in der Sueddeutschen Zeitung vor drei Jahren eine stärkere Integration Russlands mit der Europäischen Union mit dem Ruf einer „Wirtschaftsgemeinschaft von Lissabon bis Wladiwostok“ forderte, da war Wladiwostok noch der letzte Außenposten des Westens. Auch koreanische, japanische oder chinesische Touristen kommen nach Wladiwostok vor allem um hier die „erste europäische Stadt“ sehen zu können. Die europäische Seite der Stadt ist eben kein Traum, sondern Realität

Unter anderem nach den halbherzigen Antworten der anderen europäischen Länder auf das Integrationsangebot  Putins und der vielen außenpolitischen Probleme mit den europäischen Nachbarn, hat der russische Staat die Entwicklung des Fernen Ostens zu einer Priorität erhoben. Als Ausrichter des Asean Pacific Economic Cooperation (APEC) Forums pumpte Moskau erhebliches Geld in den Bau der berühmten Brücke auf die nahegelegene Insel Russkij, sowie den Bau eines später als Campus für die Far Eastern Federal University (FEFU) gedachten Gebäudekomplexes.

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Blick zurück vom neuen Campus auf Russkij über die Brücke nach Wladiwostok

Nach den hohen Ausgaben für Brücke und Campus, begleitet von der typischen Krankheit vieler sehr groß geplanter Projekte (beim Bau des Campus hatte man Beispielsweise vor lauter Glanzarchitektur vergessen eine Bibliothek mit einzuplanen…), sind die Wladiwostoker inzwischen vor allem eines: stolz auf ihre Brücke und den Campus der FEFU. Ein Taxifahrer ruft bei seiner ersten Fahrt auf die Insel mit stolzer Begeisterung „hier sieht es ja schon aus wie in Japan!“.

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Sind das Ameisen im Hauptgebäude der neuen Universität?

Nach Ende des APEC Summits hatte sich der Gebäudekomplex erst schlagartig geleert. Doch inzwischen sind die ersten Studenten auf dem Campus, bin Ende September sollen alle Fakultäten übersiedeln (an der Machbarkeit dieses Zeitplans im Anbetracht der Größe des Umzugs, zweifeln aber die meisten Akademiker, die ich frage) und die Gegend ist zu einem Naherholungsziel der Städter geworden. Endlich sind auch neue Konferenzen nachgezogen worden, wie da das 22. jährliche NORTHEAST ASIA ECONOMIC FORUM (NEAEF), dass nach 20 Jahren zum zweiten Mal in der Stadt ist.

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Ein Runder Tisch für ehemalige Premierminister, Gouverneure, Experten und Bonaqua-Flaschen

Vor 20 Jahren hatte der damalige Gouverneur der Region Vladimir Kuznetsov das Forum zum ersten Mal in die gerade erst für Ausländer geöffnete Stadt geholt. Inzwischen ist der gleiche Kuznetzov nach Stationen als russischer Generalkonsul und Geschäftsmann in Kalifornien wieder zurück in seine Heimatstadt gekommen um hier die “School of Regional and International Studies“  der FEFU zu leiten. Vielleicht kann er neben internationalen Beziehungen auch etwas „American Dream“ und hemdsärmlige Pragmatik mitbringen.

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Auch zeitgenössische Kunst soll die Insel Russkij schmücken

Aber nicht alle freuen sich auf den Umzug auf die Insel. Gorodny, der Leiter des Museums für Zeitgenössische Kunst ARTETAGE befürchtet noch weiter entfernt vom Stadtzentrum weniger Interessierte zu seiner beeindruckenden Sammlung lokaler, russischer und internationaler Gegenwartskünstler locken zu können. Solange die Planungen zum Riesenumzug aber noch nicht begonnen haben, träumen die wladiwostoker Studenten lieber weiter in der Sonne am Stadtstrand.

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Beim Bräunen ist gut Träumen

Wladiwostok – die schöne Europäerin in Asien

Europäerin das ist die russische Schönheit wenn man Ihre klassizistischen kleinen Straßen hinunterschaut und dennoch auch nicht fremd auf dem asiatischen Boden. Die Architektur kennt man auch von Lissabon bis Wien, bildet sie doch in ihrer russischen Version das europäische Zeitalter der großen Imperien im 19. Jahrhundert nach. „Beherrsche den Osten!“ klingt scheinbar nach einem Ausruf aus dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Dabei ist es die Übersetzung des Namens der russischen Stadtgründung aus der Zeit, in dem die europäischen Nationen versuchten sich den Rest der Erde untertan zu machen (Влади: beherrsche!, Восток: der Osten).

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Allein die Farbenpracht mag diese Fotografie vom Angfang des 20.Jahrhunderts nicht einzufangen

1860 als Stützpunkt für die russische Marine gegründet und schon 20 Jahre später eine wachsende Stadt  mit einem wichtigem Hafen, erlebte sie ihre erste kulturelle Blüte in den Zeiten der Revolution: von tschechischen, amerikanischen, britischen und japanischen Truppen vor der Roten Armee verteidigt strömten Intellektuelle aus Petersburg und Moskau in die Stadt und gründeten Theater und Zeitungen. Der Einmarsch der Roten Armee 1922 beendete den Bürgerkrieg und in den kommenden drei Jahrzehnten versechsfachte sich die Bevölkerung in dem wichtigsten Hafen des Pazifiks auf die heutige Größe von über 600,000 Einwohnern. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion durften ab 1992 dann zum ersten Mal nach 70 Jahren wieder Ausländer in die Stadt. In den 90er Jahren wurde Wladiwostok dann leider auch für Mafia und Prostitution bekannt, wovon sie sich im letzten Jahrzehnt durch wirtschaftlichen Aufschwung, unter anderem auch als Handelshub für Waren aus Asien erholte. Der Versuch des Präsidenten Putin den Fernen Osten durch große Infrastrukturprojekte wie dem Ausbau der Transsibirischen Eisenbahn weiter zu entwickeln, stockt aber unter ähnlichen Problemen wie viele Großprojekte: Korruption, Intransparenz, Ineffizienz durch Bürokratie und zu hoher Zentralisierung der Entscheidungen. Nicht um diese Probleme in Russland zu verharmlosen, aber wir kennen sie natürlich auch aus Stuttgart und Berlin.

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Ein Blick auf den Hafen von Wladiwostok im August 2013 nahe einem Gebäude der Fernöstlichen Universität

In der jüngsten Geschichte wurde die Stadt dazu bekannt für den Aufstand Ihrer Bürger gegen den Versuch der russischen Regierung im Jahr 2008 die Einfuhr von Gebrauchtwaren aus Asien zu verzollen und dann für den Bau der größten Kabelbrücke der Welt von Wladiwostok zur nahgelegenen Insel „Russkij“, die von den einen, wie dem damaligen russischen Präsidenten Dmitry Medvedev als „wunderschöner Bau“ und „Sinnbild der Ingenieurskunst“  gesehen wurde und von den anderen als Verschwendung von Steuergeldern.

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Von der Riesenbrücke selbst sieht man aus dem Zentrum nur die zwei kleinen Pföstlein in weiter Ferne

 Kaum bin ich am Bahnhof vom frisch eingeführten Aeroexpress vom Flughafen angekommen fällt mein Blick über die Straße. Da steht doch mal wieder der „gute alte“ Lenin und zeigt agitatorisch mit kämpferischen Blick auf den imaginären kapitalistischen Feind. Aber wie beruhigend ist mir mein Blick auf ihm ruhen zu lassen. Kein einziger Russe ist weit und breit zu sehen, allein ein paar chinesische Touristen schreiten fast mit Pflichtgefühl die Stufen zur Statue hinauf. Schön, dass die ideologische Dialektik des Marxismus-Leninismus hier etwas an ihrer Kraft verloren hat und schön, dass man auch gleich sieht, dass man in Asien angekommen ist. Davon, dass man auch in Asien ist zeugen auch die unzähligen asiatischen Restaurants und Cafés der Stadt.

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Der alte Revolutionär lockt nur noch ein paar chinesische Touristen die Stufen hinauf

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Na, Lust auf etwas Suschi?

Und kurz darauf gleich der Gegensatz: am nicht weit zu Fuß entfernten Hafen herrscht heute reges Markttreiben. Frisches Obst und Gemüse vom Land wird feilgeboten, Babuschkas und Marktfrauen mit Kopftüchern: das ist einfach ganz normales russisches Marktleben, wie man es im Zentrum von Moskau schon kaum noch kennt. Auf dem belebten Markt sind das weithin sichtbare Verwaltungshauptgebäude der Region (oder auch „Weiße Haus“ genannt) und das fahnenschwenkende Denkmal der Kämpfer für die Rote Revolution im Fernen Osten gefühlt recht fern.

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Der Markt am Hafen von Wladiwostok ist russischer als Moskau

Und wo wir schon beim Sommer in Russland sind, dürfen auch die fröhlichen Hochzeitsgesellschaften nicht fern sein, bei denen ein Foto und Glas Schampanskoje vor jedem wichtigen Denkmal der Stadt „erledigt“ werden muss. Tatsächlich sehe ich auch einen jungen Chinesen mit einer blonden russischen Braut, nur leider ist meine Kamera dieses Mal nicht schnell genug um das Bild für die Vermählung in dieser Stadt besser festhalten zu können. Nach dem Ende des staatlich diktierten Atheismus stehen auch Kiryll und Method, die beiden christlichen Missionare der slawischen Völker wieder an prominentem Ort auf einem der Hügel der Stadt. Wie gemacht für die Kolonnen der Heiratenden im Sommer.

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Das chinesisch-russische Brautpaar: Zur Seite werter Cousin, man kann den Bräutigam nicht sehen!

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Helau mein geliebtes Wladiwostok im Tal

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Achtung die nächste Hochzeitsgesellschaft in Marschkolonne!

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Und dieses Mal bitte nur die Damen

Nach all der Geschichte und dem vielen Hochzeiten im Blog muss ich jetzt aber wieder Pause machen, und mehr von der Stadt entdecken.

 

Kasan: nicht München, sondern Tatarstan

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“Kazan, which like Rome stands on seven hills, is the capital of the ancient people and country whose names, though familiar, are shrouded in misconceptions. The people are the Kazan Tatars; the country is Tatarstan. Situated, as a result of historical circumstances, in the very heart of Russia, only eight hundred kilometres to the east of Moscow, Kazan is the capital of a multi-national republic that occupies the area between the Volga and the Ural Mountains. The Tatars have their own language, their own culture, their own age-old traditions and festivals, their own faith, but their past has been and remains intertwined with the history of Russia in the most dramatic and sometimes fateful way.”

Webseite der Republik Tatarstan

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Sind wir in München oder doch bei den Tataren?

Das Wetter spielt nicht mit. An einem frühen Morgen im November fahre ich vom Flughafen bei grauem Himmel nach Kasan. Der erste Eindruck der Hauptstadt von Tatarstan erstaunt mich trotz trister Gräue: die einheitlichen klassizistischen Fassaden erinnern mich auf seltsame Weise an das als so makellos bekannte München. Das hatte ich nicht erwartet: ein Amalgan aus Christentum und Islam ja: Der Kasaner Kreml mit Kirche und Moschee direkt an der Wolga ist ja Weltkulturerbe und einem von Bildern bekannt. Aber diese blitzblanke Pracht, wenn auch etwas niedriger gebaut, erinnert doch an meine Studienstadt. Vielleicht habe ich mich von einer anderen Bayernassoziation beeinflussen lassen: Tatarstan ist eine autonome Republik innerhalb Russlands, das könnte man auf Deutsch mit gutem Gewissen „Freistaat“ nennen. Auch, dass das große Unabhängigkeitsstreben der wirtschaftlich extrem erfolgreichen Republik (dem Öl sei Dank) immer wieder den  Ärger der anderen Regionen Russlands anzieht, lässt einen leicht Vergleiche ziehen.

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Am Morgen ist die Straße auf dem Weg in den Kreml noch so leer wie in Berlin

Dabei gilt Tatarstan dazu als recht konservatives de-facto Einparteiensystem , aber die lokalen Vertreter der großen Volkspartei (wenn man die Kreml-Partei Einiges Russland überhaupt so bezeichnen kann) sind – wieder wie in Bayern – recht unabhängig von der Hauptstadt des Landes. Aber in der Innenstadt sieht man, dass hinter den sauberen Fassaden auch etwas Opposition gehrt. Auf Pfeilern in der Fussgängerzone sieht man nicht nur die von einem Künstler aufgemalten Bilder der Idole Mahatma Gandhi und Steve Jobs, sondern auch einen Aufruf zur Revolution, einer Losung folgend wie des unheimlichen Führers der Avantgarde der Roten Jugend Sergej Udaltsov, über ein Bild der Wolga geschmiert.

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Gewaltlose oder gewaltsame Revolution, oder doch lieber ein iPhone?

Die Fußgängerzone hoch auf den Kreml zu verlassen, blicke ich auf die große Wolga. Dort sieht man auch schnell im Tal den Palast der Landwirte liegen, dem Sitz des Landwirtschaftsministeriums der Republik. Ihn mit der bayrischen Staatskanzlei zu vergleichen wäre jetzt nicht ganz richtig: Denn anders als in München ist der administrative Monumentalbau hier ein kompletter Neubau. Manchmal kann zu viel Geld in der Hand eines Architekten auch gefährlich sein. Am anderen Ufer des Stromes sieht man die neuen Büro- und Wohngebäude nur so aus dem Grunde sprießen. Ja, wirtschaftlich geht es Tatarstan gut und die eigenen Werte und Traditionen sollen dabei trotzdem weiter mit gedeihen..

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Sitzt da der tatarische Stoiber drinnen? Nein, eher der tatarische Brunner.

Die traditionell guten Beziehungen zwischen Bayern und Tatarstan sind also kein Zufall. Wirklich anders als in Bayern ist jedoch, wie vergleichsweise paritätisch die Religionsgemeinschaften im Lande verteilt sind: etwa 55% sind muslimischen Glaubens und fast 45% orthodoxe Christen. Da in Russland die Religionsgemeinschaft eher als kulturelle Zugehörigkeit gesehen wird, verstecken sich hinter beiden Zahlen viele Atheisten. Besonders stolz wird mir sowohl vom Taxifahrer, wie vom Leiter des Föderationsinstituts in Kasan erzählt, dass diese Religionsgemeinschaften auf jeden Fall hier in Frieden miteinander Leben und dass es zum Glück noch keine Islamisten gäbe. Ganz stimmt das traurigerweise nicht mehr, nachdem im Jahr 2012 auch hier der erste Terroranschlag stattfand.

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Sie wollen doch hoffentlich nicht mit dem Bus in die Moschee des Kreml fahren?

Ein anderes religiöses Leben, die Verehrung der Ikonen des Sozialismus, existiert hier weiter nebenher, hat aber wie anderswo in Russland auch an Kraft verloren. In Kasan hatte nämlich auch der junge Sascha Iljitsch Uljanow studiert, der später unter seinem „Künstlernamen“ Lenin bekannt wurde. Beim Vorbeigehen an seinem Denkmal als jungem Studenten in Kasan, tanzen gerade Schülerinnen und Schüler aus Kasan zur Probe für die Aufnahme eines Flashmob vor dem Hauptgebäude der Universität.

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Sascha, jetzt beweg Dich doch auch mal und steh nicht nur so eitel rum!

Auch ohne Lenin waren die Beziehungen mit Bayern auch in jüngster Zeit nicht immer reibungslos. Die größte Angst des FC Bayern zur Beginn der Championsleague 2011 war ausgerechnet Rubin Kasan (2008 und 2009 russischer Meister, 2012 russischer Pokalsieger),  wollte ihnen der starke Club doch auch noch im Jahr 2010 Miroslav Klose wegkaufen. Aber das ist jetzt vergessen. Zum nächsten Sportereignis, für die Universiade 2013 wurde dann Kasan zusätzlich geputzt und renoviert und ich bin gespannt was wir Spuren das Ereignis an der Stadt hinterlassen wird. Das Hotel Kazan wird vermutlich schon jetzt mit seiner alten Fassade aber neuem Innenleben strahlen. Bis hier jedoch einmal, wie in Bayern zum ersten Mal nach 50 Jahren bei der letzten Wahl entschieden, wieder eine andere, zum Beispiel eine liberale Partei mitregieren darf, wird wohl noch etwas Wasser die Wolga hinunterlaufen müssen.

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Tempo, Tempo, die Universioniken kommen!

Irkutsk: die Ostsibirische Prinzessin

Die erste Reise im November 2012 führte mich noch gleich zu dem lang-ersehnten großen Ziel vieler Reisender der transsibirischen Eisenbahn: Nach Irkutsk, in die Stadt der Dekabristen, literarisch international von Christine Sutherland in dem Portrait der Maria Wolkonskaja, der „Prinzessin von Sibirien“ verewigt.

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Mit sinnendem Blick steht Alexander III. auf hohem Podest

Mächtig steht der Russische Zar Alexander III. (1845-1894) am Ufer der Angara in Irkutsk. Dass ihn nationale Minderheiten wie die Balten ihn nicht lieben hing mit seiner radikalen Russifizierungspolitik zusammen, dass Juden ihn nicht lieben können mit den Pogromen und den Einschränkungen ihrer Rechte während seiner Amtszeit, Liberale konnten ihn nicht lieben, nachdem er alle Liberalisierungen seines Vaters rückgängig machte bis auf die Wiedereinführung der Leibeigenschaft, die auch er nicht mehr hätte durchsetzen können. Aber für eines waren ihm die gepeinigten Bewohner von Irkutsk wirklich dankbar: er begann mit dem Bau der Transsibirische Eisenbahn, die auch Irkutsk mit Europa verbinden sollte.

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Jetzt aber schnell, bevor wir festfrieren!

Berühmt ist die 1758 erbaute Kirche der Kreuzerhöhung, die man im Hintergrund verspielt und bunt sieht, dafür komplett aus Holz gebaut zu sein. An den gut eingepackten schnellen Gestalten auf der Straße kann man die Minus 30 Grad Außentemperatur erahnen. Zum Glück sitze ich hier noch im Auto.

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Europa sieht in Europa meist anders aus: Das Europahaus

Das Europäische Haus ist ein besonders schönes Beispiel der wunderbar geschnitzten Fassaden der Holzhäuser, die alt und schön weiter das Bild der Innenstadt dominieren. Dazu ist das Europäische Haus nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine Institution der drei europäischen Gesellschaften in der Stadt, der belgischen, französischen und deutschen, die wichtigen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Europa und Ostsibirien zu fördern.

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Wenn Goethe und Brehm auch ein paar Jahre in Sibirien geforscht hätten – wundern würde es mich nicht mehr

Das Irkutsker Museum für Regionalstudien hat eine Menge vertrauter deutscher Namen an der Fassade, die von den langen Beziehungen Deutscher bis nach Ostsibirien zeugen: Zuerst sehen wir den Namen von Johann Gottlieb Georgi, einem ehemaligen Apotheker aus Stendhal, der nicht nur den Baikalsee für den Zaren kartographierte, sondern 1772 auch ein im Eis Ostsibiriens konserviertes Nashorn entdeckte. Den zweiten kennt dem Namen nach zumindest jeder Tübinger: der 1709 geborene Johann Georg Gmelin machte sich nämlich schon viel früher einen Namen als Sibirienforscher bevor er 1747 wieder Professor in seiner Heimatstadt Tübingen wurde. Dann Daniel Gottlieb Messerschmidt, ein Danziger, der von St. Peterburg beauftragt sieben Jahre Natur und Landschaft Sibiriens studierte. Alexander von Humboldt zu guter Letzt namentlich auf dem Bild zu sehen ist mit seinem Bruder Wilhelm sicherlich der bekannteste Universalgelehrte der deutschen Geschichte. Weniger bekannt sind seine weiten Reisen durch das russische Reiche, wieder im Auftrag des Zaren.  Nicht zu sehen auf dem Bild sind die in den Stein gemeißelten baltischen Sibirienforscher Richard Maack, Alexander von Middendorff und Ferdinand von Wrangel. Aber was schreibe ich hier nur von Namen im Stein, Ostsibirien das ist ja auch Natur:

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Die Fjorde sind nicht in Norwegen und nicht am Meer: der Baikalsee

Wie ein Ozean ist der Baikalsee bei diesen Temperaturen von unter Minus 30 Grad Celsius noch nicht gefroren, das wird er aber im Dezember. Der tiefste See der Welt hat auch das weltgrößte Wasservolumen und eine ihm eigene Artenvielfalt an Fischen. Wie herrlich doch der rohe Omul mit Pfeffer, Salz und Zwiebel schmeckt! Ostsibirien ich komme wieder!

Ein Ausländer in Moskau

» N u n   g u t ,   w e r   b i s t   d u   d e n n ?   –

E i n   Te i l   v o n   j e n e r   K r a f t ,

d i e   s t e t s   d a s   B ö s e   w i l l   u n d   s t e t s   d a s   G u t e   s c h a f f t . «

Direkt mit dem Auszug aus dem Gespräch Goethe’s Faust mit dem düsteren Mephistoteles – wird Michail Bulgakovs Meister und Margarita eingeleitet. Bulgakov hatte in den düstersten Zeiten am Ende seines Lebens an diesem heiteren und tiefsinnigen Buch gearbeitet. Noch in den letzten Wochen vor seinem frühen Tod im Jahr 1940 (er war 49) hatte er seiner Frau die letzten Änderungen diktiert. Die große Sprache und schneidende Ironie im Umgang mit der jungen Sowjetunion hätte es niemals durch die Maschen des Unterdrückungsapparats Stalins geschafft.

Heute erinnert ein Schild direkt an den sogenannten „Patriarchenteichen“ an den Anfang des Geschehens im Buch – der Begegnung des Schritstellers Besdomny und des Literaturkritikers Berlioz mit jenem Bulgavoschen Mephistopheles Voland, der den beiden unheimlich – als Ausländer – erscheint. „Bekleidet war er mit einem teuren grauen Anzug und dazu passenden ausländischen Schuhen. Die graue Baskenmütze hatte er flott aufs Ohr geschoben, und unterm Arm trug er einen Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Dem Aussehen nach war er etwas über vierzig. Der Mund war leicht schief. Das Gesicht glattrasiert. Brünett. Das rechte Auge war schwarz, das linke aber grün. Die Brauen waren schwarz, doch saß die eine etwas höher als die andere. Kurzum – ein Ausländer.“

Einiges hat sich seit dem geändert. Ausländer strömen heute überall durch die Straßen um die Patriarchenteiche. Die exklusivesten Kleidungsstücke tragen heute in Moskau auch eher die Mitglieder der in den letzten 10 Jahren dramatisch angestiegenen russischen Mittelklasse, als deren Freunde aus Deutschland oder England. Aus den leeren Straßen des verängstigten Moskaus der 30er ist ein wuselndes nie schlafendes Riesenwesen geworden, das leuchtet, rast, hupt und stolpert. Und endlich bin ich hier angekommen. In den nächsten Monaten und Jahren soll hier die Basis für allen weiteren Erkundungen liegen.

Endlich Moskau!

Liebe Freunde und Друзья Russlands und Zentralasiens!

heute startet der Blog „Russländer – Berichte aus Antiterra“. Ab November 2012 werde ich dank neuer Aufgaben von Moskau aus, die Metropole von Meister und Margarita selbst, das weite russische Land, sowie die Steppen und Städte Zentralasiens bereisen. Ich erhoffe mir auf diesem Wege Familie und Freunde auf dem Laufenden zu halten und alle Interessierte dieser in Europa oft unbekannten Welten zu eigenen Reisen und Abenteuern anzuregen. Über Austausch, Anregungen und Kommentare freue ich mich natürlich.